Soziale Gerechtigkeit

30. März 2008

Zum Thema

Gerechtigkeit ist ein Thema, das Jugendliche sehr interessiert. Wie ungerecht die Welt und die Strukturen, in denen wir leben, aber eigentlich sind, ist ihnen oft nicht so sehr bewusst – und auch nicht, wie sehr sie selbst in diese Strukturen eingebunden sind. Jeder Mensch hat Möglichkeiten, etwas zu sozialer Gerechtigkeit beizutragen – schlichtweg durch die Art und Weise, wie er sein Leben gestaltet. Wohlstand und Besitz sind zwar angenehm – aber wer sich bewusst macht, dass der eigene Umgang mit Geld und Gütern Auswirkungen auf das Wohlergehen und die Möglichkeiten anderer Menschen hat, wird schnell merken, dass Wohlstand und Besitz nicht nur angenehm sind, sondern auch Verantwortung bedeuten. Mehr haben heißt auch mehr Verantwortung haben!

Lernziel der Einheit ist es, den Jugendlichen bewusst zu machen, wie ungerecht die Strukturen unserer Welt sind, und sie auf ihre eigenen Möglichkeiten hinzuweisen, wie sie Gerechtigkeit fördern können, in dem sie ungerechte Verhaltensweisen vermeiden.

Methodisch-didaktische Hinweise

1. Schritt – Unfaire Regeln andeuten

Vier Jugendliche werden zu einem Pokerspiel aufgefordert. Für alle vier gelten unterschiedliche Regeln.

  • Spieler 1 (S1) bekommt 10 Euro Spielgeld, S2 100 Euro, S3 2000 Euro und S4 40.000 Euro.
  • S1 muss seine Karten offen hinlegen, S2 hält seine Karten ganz normal, S3 darf sich von S1 eine Karte aussuchen und diese mit ihm tauschen, und S4 darf herumgehen und allen anderen in die Karten schauen.
  • S1 darf nicht austauschen, S2 nur ein Karte austauschen, S3 zwei Karten, S4 darf sich aus dem Stapel zwei Karten seiner Wahl aussuchen.
  • S1 muss immer mitgehen, wenn andere setzen – solange bis er pleite ist.

(Die Regeln können nach belieben mit unfairen Dingen ergänzt werden)

Es ist fraglich, ob sich die Jugendlichen darauf einlassen werden, dieses Spiel mit diesen Regel zu spielen. Wahrscheinlich werden sie schon vorher protestieren, dass die Regeln unfair sind und festlegen, wer gewinnt. Falls nicht, wird spätestens nach zwei bis drei Runden Spieler 4 alles haben, die andern nichts.

Ziel der Aktion ist es, den Ärger der Jugendlichen über die unfairen Regeln zu provozieren – um sie dann damit zu konfrontieren: Genau dieses Spiel wird tagtäglich in unserer Welt gespielt. Denn so unfair sind die Voraussetzungen und Spielregeln unserer Welt: Auf der einen Seite die, die eh schon fast alles besitzen, und die zusätzlich die Macht haben, die Spielregeln festzulegen und alles zu überblicken – und auf der anderen Seite die, die nichts haben und sich den Regeln beugen müssen – und dazwischen eine breite Masse, die sich mit mehr oder weniger Erfolg über Wasser halten.

2. Schritt – Vernetzung unserer Welt wahrnehmen

Die Jugendlichen werden in Gruppen zu je sechs Personen (eventuell zusätzlich ein erwachsene(r) Gesprächsleiter(in)) eingeteilt und erhalten je einen Steckbrief von sechs unterschiedlichen Personen. Alle diese Personen kommen aus unterschiedlichen Erdteilen (ausgenommen zwei aus Österreich) – und haben dennoch irgendwie etwas miteinander zu tun.

Die Jugendlichen sollen jeweils in die Rolle ihres Steckbriefes schlüpfen und sich gegenseitig kurz vorstellen. Danach sollen sie (aus der Perspektive ihrer Rolle) die folgenden Fragen diskutieren:

  • Welche Chancen und Möglichkeiten habe ich für die Gestaltung meiner Zukunft? Wie gut sind meine Chancen, meine Träume zu verwirklichen?
  • Von wem in der Gruppe hängt es ab, ob ich meine Wünsche und Möglichkeiten erfüllen kann?
  • Auf wen in der Gruppe habe ich Einfluss? Was kann ich dazu beitragen, dass es anderen aus der Gruppe besser oder schlechter geht?
  • Was kann ich von anderen lernen? Was können andere von mir lernen?

Die letzte Frage zielt schon darauf ab, dass die Situation der Jugendlichen am ehesten der der beiden Österreicher entsprechen wird – hier sollte deutlich werden, dass es mit der Chancengleichheit auch innerhalb unseres Landes nicht sehr weit her ist. Es spielt eine große Rolle, ob man als Mann oder Frau geboren wird, ob als Kind einer armen oder einer reichen Familie, oder gar als Kind einer Migrantenfamilie. Die Chancen sind nicht für alle gleich …

3. Schritt – was kann ich tun?

In einer letzten Phase sollen die Jugendlichen selbst Ideen entwickeln, was sie persönlich (jetzt oder in der Zukunft) dazu beitragen können, dass es in unserer Welt gerechter zugehen kann. Hier sind verschiedene Vorgehensweise möglich:

  • Diskussion: besonders Themen wir Konsumverhalten und Berufswahl bieten sich hier an (wenn ich z.B. Anwalt werde, kann ich entweder die Interessen eines reichen Konzerns vertreten oder die Interessen von sozialen Werken)
  • Rollenspiele: die Jugendlichen können Szenen erfinden, die ungerechtes Handeln darstellen, und gerechte Alternativen dazu.

Weitere Möglichkeit

Der Kurzfilm Balance von Wolfgang und Christoph Lauenstein (8 Minuten) zeigt auf geniale Weise eine Situation auf, wie sich das Handeln einer Einzelperson auf alle anderen in ihrer Gruppe auswirkt – damit bietet es eine hervorragende Grundlage für eine Diskussion darüber, wie mein Verhalten sich auf andere Menschen in meinem näheren und weiteren Umfeld auswirkt. 1989 gemacht, bringt er das Thema der Globalisierten Welt auf geniale Weise zum Ausdruck. Den Film bekommt man üblicherweise in römisch-katholischen Medienstellen, auch auf Youtube findet man ihn.

Autor

Stefan Schröckenfuchs von der Evangelisch-methodistischen Kirche ist Pastor auf Probe in Wien.

Hinweis zum Dateianhang: Die Steckbriefe sind frei erfunden. Sie dürfen für den kirchlichen Gebrauch gerne vervielfältigt werden. Jede Veröffentlichung im Internet oder in Printmedien, oder sonstiger kommerzieller Gebrauch sind untersagt und nur nach Rücksprache mit dem Autor möglich.