Johannes 8, 1-11

Jesus aber ging zum Ölberg. 2Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte4und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 6Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. 8Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Gedanken zum Text

Jesus und die Ehebrecherin
Angeklagt. Eine Frau steht in der Mitte – im Tempel von Jerusalem. Ziemlich erniedrigend, den zudringlichen Blicken ausliefert und den nackten Zeigefingern ausgeliefert zu sein. Abgewichen vom Weg, vom Weg der Gerechten. Ihr Verbrechen: Ehebruch. Die Strafe: Der Tod.

Undenkbar heutzutage in der westlichen Welt. Denn darf man Statistiken Vertrauen schenken, geht jeder dritte Amerikaner einmal im Leben fremd, in Europa nur jeder Zweite. Hat nicht jeder schon mal in einer schwachen Minute an einen Seitensprung gedacht? Wieviele Prominente und Stars haben ihren Ehepartner betrogen und sind dabei sogar noch berühmter oder beliebter geworden? Ehebruch bringt zwar immer wieder viel Leid und Schmerz über Menschen, Paare, Familien, aber er ist gesellschaftsfähig geworden.

In Zeiten, wo es kaum mehr feste Ehen gibt, sondern viel mehr Lebensabschnittpartner, stellt sich überhaupt die Frage, wie man einen Seitensprung überhaupt definiert? Früher hatte Ehebruch eine andere Bedeutung: Die Frau gehörte dem Mann, sie schenkte ihm Nachkommen, ohne die Frau war der Mann nichts. Denn ein Leben als Single oder allein stehend, so selbständig wie heute war damals kaum denkbar und möglich gewesen. Die Frau sicherte die Existenz des Mannes. Wurde dem Mann die Frau genommen, oder drang ein Mann in eine fremde Ehe ein, dann zerstörte man damit nicht nur die Existenz des Mannes, sondern sogar der ganzen Familie, darum könnte die Strafe so hart sein.

Und wieder einmal wird die Frau angeklagt (und zwar nicht von Frauen, sondern von Männern) und der Mann, der offensichtlich dabei war, wird mit keinem Wort erwähnt. Denkt man an den Fall Clinton/Lewinski, wird die Situation – 2000 Jahre später – total umgedreht: Hier wird der Mann vor den öffentlichen Pranger gestellt.

Und dann die unglaubliche Gelassenheit Jesu, mit der er hier vorgeht. Die geniale einfache Lösung des Problems. Immer wieder suchten ihn seine Gegner in die Falle zu locken. Sagt er: »Steinigt sie, es ist recht« – wie will er dann weiter von der unglaublichen Liebe Gottes sprechen? Sagt er: »Lasst sie frei« – ruft er zum Gesetzesbruch auf, Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Und wieder kann er Menschlichkeit vor falsch verstandenes göttliches Recht stellen.

Was mich persönlich am Rande noch interessieren würde: Was passierte mit der Frau? Zeigte sie Reue, hat sie dazu gelernt? Und wurde sie von ihrem Ehemann wieder zurückgenommen?

Methodisch-didaktische Hinweise

  • Bild von Max Beckmann Jesus und die Ehebrecherin: Verleiht den Männern im Hintergrund eine Sprache! Was könnte wie diskutiert werden?
  • Oder verteilt die Rollen im Raum und überlegt, wie die Situation vor 2000 Jahren ausgesehen hat und wie sie heute aussehen würde!
  • Was hättet ihr als in der Rolle des Jesus geantwortet?
  • Überlegt, welche Sünden heutzutage annähernde Konsequenzen mit sich bringen würden!
  • Vergleicht kulturelle Ansichten über dieses Thema im 21. Jh. in verschiedenen Teilen der Welt.

Autorin

Christine Waldner von der Evangelischen Hochschulgemeinde dissertiert in Veterinärmedizin in Wien – 22. März 2004