Johannes 15, 9-17

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 10Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 12Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. 13Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 14Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 15Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 16Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 17Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Gedanken zum Text

Das Wort Liebe wird oft zu schnell in den Mund genommen. Die tiefe Bedeutung des Begriffes wird übergangen. Fernsehserien, die meist flach wie der Bildschirm sind, gaukeln eine Art von Liebe vor, die mit der Realität nichts zu tun hat und der Bedeutung nicht gerecht wird. Auch eine bestimmte Art von Heften verkaufen etwas als Liebe, was es nicht ist. Es ist eher die Illusion davon und abhängig von dem, was und wie ich bin. Dahinter steckt die Sehnsucht nach der ewigen, absoluten und ganz tiefen Liebe zwischen zwei Menschen, die jede(r) hat und nach der sich besonders Jugendliche sehnen. Das drückt sich insbesondere durch einen Absolutheitsanspruch in ihren jeweiligen Liebesbeziehungen aus. Da das im realen Leben aber so nicht funktioniert, ist es für viele schwer, mit diesen enttäuschten Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchten umzugehen. Dass Liebe nicht einfach funkioniert oder abrufbar ist, Arbeit bedeutet, ist für Jugendliche noch nicht im Blickfeld.

Jesus spricht in unserem Text von der Liebe unter den Mitchristinnen und -christen, den Schwestern und Brüdern. Er spricht also eine bestimmte Art der Beziehung an. Doch auch die Liebe zwischen zwei Menschen lässt sich nach diesen Anhaltspunkten gestalten. Im Unterschied zu dem Gebot der Nächstenliebe ist die Motivation zur Liebe untereinander die Liebe Gottes und die Liebe Christi zu uns. Sie sollen wir nachahmen, als Vorbild nehmen. Diese Liebe Gottes zu uns bedeutet bedingungslose Annahme, Treue und einen absolut guten Willen. Zugegeben, ein Ideal, doch es gilt als Orientierung.

Liebe im Sinne Gottes ist nicht die ethische Erfüllung eines Gebotes, sondern muss vom Herzen ausgehen. Sie richtet sich an Jesus Christus aus. Sie bringt Leben und trägt. So wie eine tiefe Liebesbeziehung und eine echte Freundschaft tragen und das Leben mit allen Höhen und Tiefen aushalten. Echte Liebe zwischen zwei Menschen hat deshalb auch immer etwas mit der göttlichen Liebe zu tun. Sie bedeutet Hingabe und Opfer. Wenn wir der Liebe Gottes in unserem Leben Raum geben, können wir auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen aus diesem Kraftfeld Gottes heraus leben und gestalten. Dann geht es nicht mehr um Illusionen und Ansprüche, sondern um die Menschen und das wirkliche Leben. Beim Gestalten von zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es auf mich an. Und auf das, was von der anderen Seite kommt. Das Geben und Nehmen muss einigermaßen ausgewogen sein, damit es zu keiner Schieflage kommt. Niemand kann immer nur geben und investieren und wer immer nur nimmt, hat von der Liebe und dem, wie ein Miteinander funktioniert, nichts verstanden.

Wenn wir an die Liebe glauben und in der Liebe glauben, kann sie uns auch gelingen. Das meint nicht, dass dann alle Beziehungen gelingen. Es meint, dass ich durch meinen Umgang mit anderen etwas bewirken und verändern kann (Frucht bringe). Auch das ist schon ein Gelingen. Jesus bezeichnet uns als seine Freundinnen und Freunde, wenn wir seine Liebe zu uns verinnerlichen. Denn dann begegnen wir einander in Respekt, der auch Abgrenzung und ein Nein ertragen kann. Der das Gute für den/die Nächste sucht und sich selber nicht vergisst. Im Text geht es um das Ideal der Liebe, an dem wir Menschen immer wieder scheitern. Doch gilt uns die Zusage Christi, dass er mit uns ist und dass wir von seiner Liebe zu uns lernen können. Dass die Liebe untereinander gelingt, dazu will er uns helfen.

Methodisch-didaktische Hinweise

Das Thema Liebe und gelingende Beziehungen ist gerade für Jugendliche wichtig und was sie in dieser Lebensphase davon verstehen und leben lernen, wird ihnen ihr Leben lang auch hilfreich sein.
Der Text lässt sich von verschiedenen Seiten thematisch beleuchten.

  1. Es wäre möglich, darüber nachzudenken, wie sich dieses Gebot der Liebe untereinander leben lässt und auswirkt in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Stichworte: Respekt, gegenseitiges (Er-)Tragen, Annahme …
  2. Es ließe sich das Thema Freundschaft und auch die Liebe in einer Liebesbeziehung ansprechen. Welche Werte und Kriterien sind wichtig, damit diese zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen und tragfähig sind?

Der Kreis als Symbol für Harmonie, Ganzheit und das Leben bietet sich an. Der Blick aller ist im (Sessel-)Kreis auf die Mitte gerichtet (Deutung: Kraftfeld der Liebe Gottes – es wären auch andere Deutungen möglich). Es ist (grundsätzlich) möglich, mit den Händen einen Kreis zu schließen und Verbundenheit auszudrücken. Andere Seite eines solchen Kreises: Geschlossenheit.

Mit diesem Symbol des Kreises könnte auf verschiedenste Weise gearbeitet werden. Gestalten eines Kreises (gemeinsam, einzeln oder Kleingruppen) mit dem, was wichtig ist für ein liebevolles Miteinander durch Collage, Legearbeiten, Begriffe sammeln, Malen. Störendes (schlechte Nachrede, Lügen, Mißachtung, Grenzen überschreiten z.B.) könnte dazugestaltet werden mit (einer) anderen Farbe(n) oder Technik.

Es wäre möglich, auch schon im Kreis zu sitzen. Am Ende darf jede(r) sagen, was er oder sie einbringen will in diesen Kreis des Lebens und des liebevollen Umgangs miteinander.

Autorin

Anke Neuenfeldt von der Evangelisch-Methodistischen Jugend ist Pastorin in Wien – Rogate, 25. Mai 2003