Johannes 14, 15-16.23b-26

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll.[…] 23Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. 24Wer mich nicht liebt, hält an meinen Worten nicht fest. Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. 25Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. 26Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Gedanken zum Text

Wer im Sinne des Johannes vom Halten der Gebote reden will, sollte nicht mit den Geboten beginnen. Er sollte es so machen, wie es Johannes tut: Nämlich die Liebe voranstellen. Es gibt nur eine Frage, die Jesus dem Johannesevangelium zufolge dreimal stellt: »Liebst du mich?« Es ist die Frage des Auferstandenen an Petrus, der ihn zuvor verleugnet hatte. Jesus stellt nicht die Frage nach korrektem Handeln, nach Erfolg oder nach irgendwelchen Strategien. Sondern die nach der Liebe. »Liebst du mich?«

Wie können wir diese Frage beantworten? Was heißt es, Jesus zu lieben? Liebe ist sicher nicht nur ein Kribbeln im Bauch oder eine Emotion – aber Liebe darf nicht frei von Emotionen und Gefühlen sein! Wenn sich bei der Frage nach der Liebe zu Jesus nur unser Verstand einschaltet und nach einer sinnvollen Antwort kramt, dann haben wir irgendetwas noch nicht richtig verstanden. Dann ist es notwendig, dass wir uns von Neuem die Geschichten vor Augen führen, die von Jesu Leben und Handeln berichten, von seinem Tod und seiner Auferstehung. Wir sollten das solange tun, bis wir uns selbst irgendwo in diesen Geschichten wieder finden und entdecken, dass die Worte und Taten Jesu uns gelten und betreffen – bis in unserem Herzen etwas warm wird und das Gefühl der Zuneigung, der Sehnsucht, der Freude, der Liebe oder wie auch immer man es nennen will, zu keimen beginnt.

Petrus, dem diese dreimalige Frage zuerst gegolten hat, hat auf die Frage nach der Liebe (agape) zaghaft geantwortet: »Herr, du weißt, dass ich dein Freund (philo) bin.« Es ist die Antwort eines Menschen, der um seine begrenzte Liebesfähigkeit bescheid weiß, und darum nicht vorgibt, mehr zu lieben, als er es kann – aber auch nicht weniger. Jesus weiß um unsere begrenzte Liebesfähigkeit, aber er will durch seine Liebe unsere Liebe wecken und größer werden lassen. Wir brauchen uns um unserer kleinen Liebe nicht schämen, sondern können ehrlich zu dem stehen, was vorhanden ist – damit das, was ist, ans Licht kommt und wachsen kann.

Liebe ist aber tatsächlich nicht nur eine Sache der Emotionen, sondern sie verändert auch das Handeln von Menschen. Wer einen anderen Menschen liebt, verändert sich. Er wird immer mehr beginnen, die Welt mit den Augen dieses anderen zu sehen. Die Interessen, die Ansichten, die Einsichten werden ähnlicher. Wie sehr zwei Menschen in ihrer Sicht- und Lebensweise verschmelzen können, merkt man oft, wenn nach langjähriger Partnerschaft einer der Partner stirbt. Für den, der zurückbleibt, entsteht oft ein großes Loch, als wäre ein Teil seines Lebens, ein Teil von sich selbst, herausgerissen werden. Der Geist des Verstorbenen lebt dann im zurückgebliebenen ein Stück weit weiter. Das ist nicht in einem spiritistischen Sinne gemeint, sondern ganz praktisch: Die Art und Weise des Verstorbenen zu handeln, zu denken, Entscheidungen zu treffen, hat sich so ins Leben des Partners eingegraben, dass diese ihm eigene Art – sein Geist – weiterlebt.

So wie zwei Menschen zu einer solchen Einheit verschmelzen können, dass der Geist des einen im jeweils anderen zu leben beginnt, so will auch Gott in uns Menschen wohnen, sodass sein Geist – seine Art und Weise zu handeln, zu denken usw. – in unserem Leben lebendig wird. Wer liebt, sucht den anderen zu erkennen und zu verstehen. Wer Jesus liebt, sucht ihn zu verstehen und seinen Willen, seine Absichten zu erkennen, und zu tun. Immer mehr, je größer diese Liebe wird.

Wer keine Liebe für Jesus in seinem Herzen verspürt, dem wird die Suche nach Jesu Willen leicht wie eine Pflichtübung vorkommen. Und das Tun wird im besten Fall ein korrektes Handeln nach bestimmten Maßstäben sein. Wer so lebt, handelt nicht schlecht. Schließlich ist Liebe nicht etwas, was man nicht einfach einschalten kann. Aber es wird ihm wahrscheinlich wenig Freude bereiten – und die Aufforderung, er solle noch Freude an seinem Bemühen haben, wird ihm vielleicht grausam vorkommen.

Liebe lässt sich nicht einfach einschalten. Aber wer sich auf die Geschichte Jesu einlässt, dem wird es schwer fallen, ihn nicht zu lieben. Und wer liebt, dem wird es ein Herzensanliegen sein, den Willen Jesu immer mehr zu verstehen und zu erkennen.

Methodisch-didaktische Hinweise

Jugendliche sind sehr wohl auf die Gefühlsseite des Liebens anzusprechen – es kann aber auch leicht peinlich werden. Je nach Reifegrad kann man auf eher theoretische Art erzählen oder die Jugendlichen von eigenen Erfahrungen erzählen lassen, was man fühlt, wenn man jemanden liebt.

Um zu verdeutlichen, wie sehr der Geist des Geliebten zum Geist des Liebenden wird, könnte man auf ein den jugendlichen Bekanntes Ehepaar verweisen (vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit, ein älteres Ehepaar einzuladen, das aus eigener Erfahrung davon spricht, wie sehr sie sich ähnlicher geworden sind – solche Erfahrungsberichte sind immer sehr spannend, wenn sie authentisch sind). Es ist für das weitere Gespräch auch hilfreich, wenn dabei deutlich wird, dass jede Liebesbeziehung auch Pflege braucht und nicht immer eine Sache reiner Glückseligkeit ist – Jungendliche brauchen Vorbilder für ihr eigenes Beziehungsleben, und Menschen, die Schwierigkeiten überwunden haben, sind gute Vorbilder.

Erst wenn die Jugendlichen begriffen haben, dass meine Liebe mein Handeln verändert, würde ich auf den Bibeltext eingehen. Ich halte es hier für wichtig, auch wieder zuerst mit der Liebe Gottes anzufangen: Gott liebt uns Menschen, darum ist er in Jesus Mensch geworden, um uns seine Liebe zu zeigen (Joh 3, 16). Je nachdem, wie viel schon über die Liebe Gottes gesprochen wurde, die sich in Jesu Leben, Sterben und Auferstehung ausdrücken, sollte man sich hier nochmals Zeit nehmen, damit die Jugendlichen begreifen worum es geht: Gott liebt uns, und er will durch seine Liebe unsere Liebe für ihn wecken (und auch diese Liebe nicht mit der erotischen Liebe zwischen Mann und Frau identisch ist, ist es eine Liebe, die auch mit Gefühlen zu tun hat).

Aus dieser Verständnis heraus kann dann darüber geredet werden, was es heißt, aus Liebe heraus Gebote zu halten, und vom Geist Gottes bewohnt zu sein. Am Ende könnte man eine Zeitungsanzeige herzeigen: »Gott sucht Mensch fürs Leben« und die Jugendlichen in einem Brief darauf antworten lasse:

  • Wie antworte ich auf Gottes Liebe?
  • Liebe ich Gott? Wenn ja – worin zeigt es sich?

Autor

Stefan Schröckenfuchs von der Evangelisch-methodistischen Kirche ist Pastor auf Probe in Wien – Pfingstsonntag, 27. Mai 2007