Johannes 10, 11-18

11Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, 13denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. 17Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s wieder nehme. 18Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.

Gedanken zum Text

Wirkliche Hirten gibt es in unseren Breiten ja kaum noch. Das Bild des Hirten ist trotzdem etwas Vertrautes. Was der Hirt für mich, und wenn ich in den Text des Evangelium schaue, bedeutet?
Zunächst einmal Vertrautheit: er kennt seine Schafe. Er weiß nicht nur irgendwie, wer da herumläuft, sondern er kennt sie sozusagen persönlich, mit Namen. Er kennt nicht nur die Anzahl der Schafe, sondern jedes einzelne (dabei schauen Schafe doch auf den ersten Blich so ähnlich aus). Sie sind nicht nur eine Nummer (wie beim Schäfchenzählen, damit man einschlafen kann? die Nummer einer Kreditkarte? …) Da geht es nicht um ein theoretisch-rationales Erkennen, sondern um ein personales Wahrnehmen und Annehmen, nicht um eine mystische Erfahrung, sondern um den Einsatz des Lebens.

So bedeutet der Hirte für mich Beziehung: Auch die Schafe kennen den Hirten, seine Stimme ist ihnen bekannt. Ein schönes Bild für die mögliche Zärtlichkeit so einer Beziehung stellt für mich ein Mosaik aus Ravenna (im sog. Mausoleum der Galla Placidia) dar

Der Hirt im Evangelium hat noch andere Schafe – er schließt keines aus. Er schafft Beziehung unter ihnen. Und der Hirt ist einer, der Verantwortung übernommen hat – er führt die Schafe. Dabei geht es nicht nur um eine nette Eigenschaft, nicht nur darum, wie er führt (und darin vielleicht Vorbild für Menschen, die führen, ist).

Jesus vergleicht sich im Text nicht nur mit einem Hirten, er sagt etwas über sich: „Ich bin der gute Hirt.“ Dazu gehört für ihn, dass er sein Leben für die Schafe gibt, weil er sie liebt. Er führt als Hirt, indem er durch Tod zum Leben führt. Das haben wir zu Ostern gefeiert, das ist die Botschaft jeden Sonntags. Er gibt sein Leben, um den anderen das wahre Leben zu schenken. Die Vertrautheit mit Jesus hat die Macht, den Tod zu überwinden, und Menschen dauerhaft miteinander zu verbinden. Wenn Menschen ihr Leben für andere einsetzen (was normalerweise nicht gleich den Tod bedeutet), dann kann das auf viele verschiedene Weisen geschehen: in einer tiefen Freundschaft, wo sich der/die eine ganz auf den/die andere/n verlassen kann; im beruflichen Einsatz für das Wohl und das Leben von anderen; in der Familie (heute ist auch der Muttertag – der Hirt passt für mich gut hierher); …

Jesus drückt auch etwas von der Wirklichkeit Gottes aus, wenn er sich als Hirt bezeichnet: er kennt seine Schafe, sie kennen ihn so, wie der Vater ihn und er den Vater kennt. Hirte und Hirtin sein ist Beziehung, Sorge um das Leben anderer mit dem Einsatz des eigenen, ist Vertrautheit und aufeinander hören, ist Liebe.

Methodisch-didaktische Hinweise

  • Eine Einstiegsmöglichkeit zum Thema bietet das Mosaik aus Ravenna oder ein anderes Hirten-Bild. Welche Eigenschaften fallen uns zum Hirten ein? Was tut ein Hirt? Was ist vielleicht mehr als nur eine Eigenschaft?
  • Als zusätzlicher Text oder auch als Lied passt der Psalm 23.
  • Vertrautheit und Einsatz füreinander lassen sich besser verstehen, wenn ich an Menschen denke, die das für mich spürbar machen – dazu passt z.B. eine Zeit der Stille, in der ich mir jemand, der/die für mich Hirt/in ist, bewusst mache. Dazu passt vielleicht auch, jemand, der da ist, anzuschauen, oder ein Foto eines Freundes/einer Freundin.
  • Die mit mir nachdenken/zuhören/feiern gehören zur selben Herde – auch das könnte ein Bild sein, das ich mir ausmalen, bewusst machen, kann.
  • Jesus, der gestorben und auferstanden ist, führt und begleitet über Grenzen hinweg – sogar über solche, die für uns unüberwindlich scheinen. Gibt es Erfahrungen, die mich zu diesem Glauben hinführen können? Wo mich jemand über eine Grenze begleitet oder geführt hat?
  • Viele Lieder haben Beziehung, Freundschaft, Liebe, Einsatz füreinander zum Thema. Jugendliche haben wahrscheinlich „ihre“ Lieder dazu und könnten sie mitnehmen – es wäre eine Bereicherung für alle, ein oder zwei dieser Lieder unter dem Aspekt der Beziehung zu Jesus anzuhören. (Dazu ist es hilfreich, den Text, eventuell in deutscher Übersetzung, allen zugänglich zu machen!)

Autor

Christian Wiesinger ist Bundesjugendseelsorger der Katholischen Jugend Österreich – Guter-Hirten-Sonntag, 11. Mai 2003