Johannes 10, 1-10

Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. 3Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. 4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. 5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen. 6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. 7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. 9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Gedanken zum Text

»Halt! Hier ist abgesperrt! Niemand darf durch!« Breitbeinig steht er da, der kleine Simon, die Arme weit nach rechts und links gestreckt – und verstellt mir den Weg. Verhandlungen beginnen: »Ich muss da aber durch! Was muss ich machen, dass ich jetzt da durch darf?« Simon wiederholt grinsend: »Hier ist abgesperrt …« Ich hab es eilig – aber den Kleinen da jetzt einfach wegschubsen? Also Rucksack abstellen, runter auf Augenhöhe und ausforschen, was die Absperrung nötig macht. Nach ein paar Erläuterungen über vorbeibrausende Züge gibt er mir den Weg frei. Gut, dass er mich aufgehalten hat, womöglich hätte es einen Unfall gegeben …

Eine Tür ist eine geniale Erfindung. Sie definiert Raum. Einerseits öffnet sie ihn, macht ihn betretbar – andererseits schließt sie ihn wieder ab, macht ihn dicht. Sie scheidet ein drinnen von einem draußen, ein herüben von einem drüben. Türen schaffen nötige Abgrenzungen und ermöglichen legitimen Zutritt. Tagtäglich sind wir damit beschäftigt, Türen zu öffnen und zu schließen, um sie zu durchschreiten. Türen strukturieren unseren Alltag. In jedem Raum, den wir betreten, wartet etwas Neues auf uns: Eindrücke, Menschen, Szenen, Aufgaben … Wir Menschen haben es gelernt, schon beim Überschreiten einer Türschwelle den neuen Raum, der sich uns eröffnet, blitzartig zu erfassen und uns auf die neue Situation, die sich dort uns bietet, so gut es geht ein- und umzustellen.
Andererseits schätzen wir es, privaten Raum zur Verfügung zu haben, wo wir einfach eine Türe hinter uns zuschließen können, um ganz allein und ungestört sein zu können.

Es ist irritierend, wenn wir in der Bibel lesen, dass die Jünger nicht verstehen, was Jesus meint, wenn er von sich als dem (guten) Hirten spricht, das Bild von der Tür ihnen aber plausibel erscheint. Es war damals üblich, dass Schafherden über Nacht draußen blieben und in einen behelfsmäßigen Pferch zusammengetrieben wurden, den die Hirten aus Dornengestrüpp und Felsbrocken aufbauten. Dieser Schafstall hatte keine Türe. Frühmorgens wurde er an einer Stelle geöffnet – und dort stellte sich der Hirte breitbeinig auf, so dass jedes Schaf einzeln zwischen seinen Beinen hindurch aus dem Pferch auf die Weide laufen musste. Das war eine einfache Methode um einerseits die Schafe zu zählen und andererseits sie einzeln einer kurzen Untersuchung zu unterziehen. Denn bestimmte Insektenarten pflegten ihre Larven in die feuchte und warme Wolle am Bauch der Schafe abzulegen, worauf in wenigen Stunden Maden ausschlüpften und sich rasch unter die Haut des Schafes fraßen. Beulen und eitrige Wunden waren die Folge, die – wenn sie nicht schleunigst ausgebrannt wurden – zum Tod des Tieres führten. Der Hirte als Tür zum Schafstall erfüllte damit eine wesentliche tierärztliche Aufgabe.

Jesus als Tür – Letztlich ist es ein Bild für Gott: Er öffnet uns neue (Lebens-)Räume, schützt unsere Integrität, respektiert private Freiheit und sorgt sich um unser Heil. Und dazu ist Jesus auch auf die Welt gekommen: Damit wir das Leben haben – und es in Fülle haben …

Methodisch-didaktische Hinweise

Tür-Experimente in der Kindergruppe …

Türgeschichten

Der/Die Gruppenleiter(in) bringt eine Sammlung Fotos unterschiedlicher Türen (große, kleine, alte, moderne, Gartentüre, Haustüre, Garagentor, Hoftor, Stalltür, Lifttür, Kirchentür …) zur Gruppenstunde mit.
Die Mädchen und Buben dürfen zunächst alle Bilder durchschauen.
Dann bildet Dreier-Gruppen.
Jede Kleingruppe wählt sich nun ein Türbild aus, das die Kinder besonders anspricht. Die folgende Aufgabe besteht darin, dass die Mädchen und Buben zu dem Bild eine Geschichte erfinden, die sie im Anschluss den anderen Kindern erzählen.
In der Kleingruppenarbeit geht es darum, passende Ideen für die Geschichte zu sammeln und sich Stichwörter zu notieren, damit dann die Geschichte gut erzählt werden kann. Die Kinder sollen auch überlegen, in welcher Art sie die Geschichte präsentieren wollen (z.B. mit verteilten Rollen …)
Wer möchte, kann die Geschichte auch aufschreiben …

Was ist anders geworden?

Die Gruppe teilt sich in zwei Untergruppen.
Jeweils eine Gruppe bleibt im Gruppenraum, die andere geht eine Zeitlang hinaus – und die Türe wird geschlossen.
Zuvor einigen sich alle Kinder auf eine bestimmte Grundordnung im Gruppenraum:

  • Welche Gegenstände befinden sich genau an welchem Platz?
  • Wie sitzen/stehen die Personen gerade im Raum?
  • Welche Tätigkeiten werden eben ausgeführt?
  • Wie sind die Lichtverhältnisse?
  • usw. …

Jene Gruppe, die im Raum bleibt, macht so ein Standbild, das sich die anderen, die dann den Raum verlassen, gut einprägen.
Während nun einige der Mädchen und Buben vor der geschlossenen Tür warten, dürfen die anderen im Gruppenraum genau zehn Dinge verändern (Gegenstände umstellen/umhängen, Sitzordnung vertauschen, Kleidung vertauschen, Licht auf-/abdrehen, odgl.)
Dann werden die vor der Tür wartenden Kinder wieder hereingeholt – und sollen nun erraten, was sich in der Zwischenzeit im Raum verändert hat.

Anschließend werden die Rollen getauscht …

Ihr Auftritt bitte

(mit älteren Burschen und Mädchen)

Der/Die GruppenleiterIn bereitet ein paar Rollenkärtchen vor, auf denen stichwortartig kurze Angaben zu einer bestimmten Person notiert sind. Z.B.:

  • Schülerin, 16 J., hat den Bus versäumt, kommt zu spät in den Unterricht, das ist ihr schon öfter passiert – und dementsprechend peinlich …
  • Elektromonteur, 35 J., betritt eine fremde Wohnung, um die Waschmaschine zu reparieren – dem Anruf nach, dürfte es sich um einen Bedienungsfehler durch die Kundin handeln …
  • Taxifahrerin, 58 J., wurde zu einer Nachtbar gerufen, hat schon einige Minuten vergeblich vor dem Lokal gewartet, beschließt hineinzugehen und nach dem Kunden zu fragen …
  • usw. …

Die Kids können nun einzelne Rollenkärtchen ziehen und die Szenen kurz anspielen. Jedes Mal geht es um den Moment, wo die betreffende Person die Tür zu dem Raum öffnet, in den sie hineingehen möchte.
Die anderen Gruppenmitglieder teilen sich auf in Mitspielende und Beobachter(innen).
Die Mitspielenden bekommen die Informationen des jeweiligen Rollenkärtchens – und überlegen sich, wie sie den/die Hereinkommende(n) empfangen werden …

Nach jedem Spiel gibt es eine kurze Reflexions- und Auswertungsrunde.

Autor

Otto Kromer ist Bildungsreferent der Katholischen Jungschar Österreichs – 4. Sonntag in der Osterzeit, 17. April 2005