Markus 6, 30-34

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 32Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. 33Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. 34Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Gedanken zum Text

Die Apostel kommen müde und abgespannt von ihrem Job zurück zu Jesus (wir Wiener nennen das Hackn).

Sehr bemüht sind diese genialen Autodidakten, wenn es um die Sache Jesus geht. Fischer, Zimmerleute, Zöllner und dgl. sind ja plötzlich zu Aposteln geworden, was für ein Karrieresprung. Und so ein Tag als Apostel kann ganz schön anstrengend sein. »Da war das beschauliche Geschaukel auf dem Wasser des Sees, früher beim Fischen lustiger«, so wird sich wohl mancher Apostel insgeheim gedacht haben. Jesus sieht die müden Genossen und gönnt ihnen eine Ruhepause. Doch so einfach war das wohl nicht, denn es war »ein ständiges Kommen und Gehen«, so berichtet der Evangelist Markus. Jesus ist ständig ausgebucht, alle wollen ihn sehen und sprechen.

Im Mai dieses Jahres war in Berlin der ökumenische Kirchentag. Tausende Menschen schoben sich durch die Stadt, durchs Messegelände, durch den Veranstaltungsreichtum. Diese große Stadt wirkte noch dichter als sonst und ich war schon sehr erleichtert, wenn einmal ein halber Tag der Ruhe drinnen war und keine Verpflichtungen und Termine zu absolvieren war.

Auch der Star Jesus schaffte offensichtlich den Fan-Streß nicht alleine, er schickte auch seine Apostel aus. In ihrer Verzweiflung besteigen sie ein Boot und steuern eine ruhige Stelle an; doch alles nützt nichts … am Landesteg werden sie schon sehnsüchtig erwartet. Diese eigentlich ganz banale Schilderung (als Einleitung zur Speisung der fünftausend Menschen) ist für mich ein wahres Geschenk. Wie gut kann ich mich in dieser Situation selbst wiederfinden: so schön auch das Bad in der Menschenmenge für gewöhnlich ist, so wichtig sind auch die Zeiten der Ruhe und Entspannung; möglichst in Einsamkeit. Ja selbst die Beziehung macht nach einem 16 Stunden-Tag nicht wirklich mehr Freude und fühlt sich auch wie ein Termin an. Davor sollten wir uns schützen, auf unsere Psychohygiene achten.

»Alles hat seine Zeit«, lernen wir aus dem Buch Kohelet. Niemals geht alles auf einmal; gute Priester, gute Diener des Wortes Gottes, brauchen auch ihre Auszeit. Danke, lieber Markus, daß Du auch darüber geschrieben hast. Die Geschichte geht aber dann so aus, wie sie auch in unserem Alltag oft ausgeht: Jesus hält nun doch eine lange Predigt, weil er die Leute nicht einfach warten lassen kann bzw. will. Da kann man also froh sein: »Nicht nur ich bin nicht konsequent, auch Jesus und die Jünger waren es nicht!« Und schließlich passiert ja noch viel mehr: 5000 Leute werden gespeist, mit Brot und Fisch – wir kennen die Geschichte. Wo ist also ein ruhiger Platz? Wo finden wir Zeit zum Ausspannen und neu Auftanken? Ich habe mir vorgenommen, DIESEN Sommer 2003 diesmal wirklich zu nützen – auch für mich! Und tatsächlich finde ich mich wieder vorm Computer sitzend, Andacht schreibend …

Ich wünsche uns allen einen erholsamen Sommer, schönen Urlaub und lange Ferien,
Dein/Ihr

Michael Bödy Kamauf

Autor

Michael Bödy Kamauf ist evangelischer Diakon und Vorsitzender des ÖJR

Erstveröffentlichung 20.7.2003