Markus 12, 38-44

Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, 39und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. 40Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. 41Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. 42Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. 43Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. 44Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Gedanken zum Text

Der Anfang dieser Bibelstelle wird oft zitiert. Man soll nicht sein wie die Schriftgelehrten und lieber im Geheimen zu Gott beten. Mein Freund, der übrigens evangelisch ist, sagt mir dann immer wieder noch seinen Lieblingsausspruch von Luther dazu »nur der Glaube allein«, was für ihn so viel heißt wie: man braucht nicht in die Kirche zu gehen, beten kann man sonst auch überall.

Prinzipiell stimme ich da mit ihm ja auch überein. Aber für mich klingt es oft als wäre es einfach nur eine gute Ausrede, um nicht zum Gottesdienst zu gehen. In der römisch-katholischen Kirche ist hingegen ganz klar, dass das gemeinsame Beten und Feiern einen sehr hohen Stellenwert hat. Alleine zu beten, ist natürlich auch nicht schlecht! Aber die Kirchengemeinde hat quasi noch verstärkende Wirkung.

Zum zweiten Teil (man könnte Mk 12, 41-44 auch alleine als Kurzfassung lesen) fallen mir neben vielen G’schichteln über Knöpfe im Klingelbeutel auch viele nicht-materielle Gaben ein. Speziell denke ich dabei an 72 Stunden ohne Kompromiss. Das war heuer zum dritten Mal eine Aktion der Katholischen Jugend in Zusammenarbeit mit youngCaritas.at und Hitradio Ö3. 5000 Jugendliche leisteten jeweils 72 Stunden Arbeit für 350 Projekte in ganz Österreich. Warum mir das gerade jetzt einfällt? Ich war selbst einmal eine dieser Helferinnen und weiß daher, wie schwer es sein kann, sich erstens die Zeit zu nehmen, zweitens noch ein paar Freunde zu animieren mitzumachen und drittens dann die gestellte Aufgabe zu lösen.

Für Jugendliche ist es aus finanziellen Gründen nicht leicht, große Beträge zu spenden – ähnlich wie bei der Witwe. Aber sie können etwas anderes geben. Bei 72 Stunden sind es vor allem Zeit, Elan und Kreativität, die sie für andere Menschen einsetzen.

Methodisch-didaktische Hinweise

  • Startet in eurer Jugendgruppe eure eigenen 72 Stunden. Diese 72 Stunden müssen ja nicht am Stück sein, ihr könntet sie auch auf mehrere Wochen verteilen. Ideen für Projekte findet ihr unter www.72h.at (z.B. ältere Menschen in einem Pensionistenheim besuchen, einen (Advent-)Abend für besondere Menschen gestalten, …)
  • Überlegt euch, wie viel euch Dinge wert sind. Möglich wäre das mit einem Plakat: links das Ding (z.B. Fernseher, Internet, Handy, Haustier, Eltern, Freunde, …) und rechts daneben ein Geldbetrag (oder eine Spanne, wenn ihr euch gar nicht einigen könnt). Wenn ihr euch danach ganz allgemein über Werte unterhalten wollt, gibt es als Hilfsmittel bzw. Vorbereitung auch eine so genannte Jugendwertestudie 1990-2000. Diese findet ihr als PDF unter www.oeij.at/doku/Jugendwertestudie.pdf.

Autorin

Sylvia Berger von der Katholischen Jugend ist ehrenamtliche Mitarbeiterin in Wien.

Erstveröffentlichung Sonntag, 12. November 2006